Reise zum Sambesi

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„Eine Reise wird besser in Freunden als in Meilen gemessen.“ Dieser Satz von  Tim Cahill (Fußballspieler aus Australien) fasst auch meine letzte Reise zusammen. Ob in Iringa, Tukuyu, Livingstone oder Lushoto, überall lernte ich Menschen kennen. Mal kommt man mit dem Conductor (ähnlich wie Schaffner, aber im Bus) ins Gespräch, wird beim Abendessen bei einer Mama (kleines Schnellrestaurant, immer von einer Frau geleitet) angesprochen oder unterhält sich lange mit einem Verkäufer am Obststand.

 

Eines meiner Highlights im Juni war eine Zugfahrt von Mbeya (Südtansania) nach Kapiri Mposhi (Sambia). Ausgestattet wie ein Nachtzug setzen sich meine Mitreisenden und ich am Nachmittag in den Zug. Es konnten drei Klassen gebucht werden. Auf Empfehlungen hin entschieden wir uns für die erste Klasse. Dafür konnten wir es uns in einem kleinen Raum mit vier Betten und einem Tisch gemütlich machen. Zusätzlich gab es einen Aufenthaltsraum und den Speisewagen, wo ich mich am Abend für Reis mit Rinderfleisch entschied. Ich hätte es nicht gedacht, aber mir schmeckte das Essen vorzüglich.

 

Zuvor erreichten wir die tansanisch-sambische Grenze. Zwei Zollbeamte kontrollierten unsere Reisepässe und stellten das Visum aus. Die Nacht verlief anfangs ruhig, jedoch wachte ich am frühen Morgen auf, da der Zug so sehr raste. Den Sonnenaufgang konnten wir wunderbar beobachten. Leider passierte von da an landschaftlich nicht viel. Das Bild war geprägt von trockenem Buschland. Immer wieder sah man ein paar Lehmhütten und Kinder die sich interessiert den Zug anschauten und winkten.

Von Kapiri Mposhi, wo wir am Abend nach sechsundzwanzig Stunden Zugfahrt ankamen,  führten wir unsere Reise mit einem Minibus fort. Eng aber mit ungewohnten Getränken und Snacks, sowie sambischer Musik erreichten wir die Hauptstadt Lusaka. Nachdem ein Busticket auf dem großen Busbahnhof gekauft wurde, brachte uns ein freundlicher Taxifahrer (zu Fuß soll es zu gefährlich sein) zu einer netten Unterkunft. Von dort ging es am nächsten Tag nach Livingstone.

In der Stadt besuchten wir Mitfreiwillige, die ebenfalls mit dem ASC Göttingen zusammenarbeiten. Für mich war es ganz ungewohnt, dass es keine Piki-Pikis (Motorräder) gibt. Man geht zu Fuß oder nimmt für weitere Strecken ein Taxi, was als Booking Taxi oder Sharing Taxi unterwegs ist. Schon allein an der Bezeichnung der Transportmittel leitet sich ab, dass man Sambier auf die Sprache bezogen besser verstehen kann. Denn alle sprechen Englisch, auch untereinander. Allerdings nicht immer. Zwar kommt es vor, dass man sich an der Supermarktkasse (ja, es gibt richtige Supermärkte) in englischer Sprache begrüßt und unterhält, allerdings spricht jeder noch eine oder zwei oder noch mehr Sprachen wie z.B. Bemba, Lozi, Nyanja. Ich war sehr erstaunt als bei einem Gespräch mit einem Bekannten herauskam, dass er neben Englisch noch drei weitere Sprachen fließend beherrscht. Diese unterscheiden sich je nach Region. Bemba wird im Copperbelt und der Northern Province gesprochen, in der Western Province benutzt man Lozi, bekannt für die Regionen Lusaka und die Eastern Province ist Nyanja. Auch wenn es um die siebzig verschiedene Sprachen gibt bleibt Englisch die Amtssprache.

 

Daraus folgt, dass in der Schule in dieser Sprache unterrichtet wird. Ein Besuch bei einer Schule unserer Freunde zeigte mir große Unterschiede im Vergleich zu Tansania. Jedes Mädchen ab Klasse eins trägt länge Haare. In Tansania müssen sich Schülerinnen und Schüler die Haare abschneiden. Immer wieder werden sie von den Lehrern zurechtgewiesen, wenn etwas zu lang ist. Die Mädchen an der Schule, die ich besuchen konnte trugen Flechtfrisuren, Dutts, Zöpfe…  Außerdem hatten alle Schüler einen Sportanzug an, den sie immer tragen, wenn an diesem Tag Sport unterrichtet wird. Bei einem Rundgang durch das Schulgebäude vielen mir die kleinen engen Klassenräume auf. Teilweise saßen die Kinder an Gruppentischen zusammen, während in den tansanischen Klassenräumen die ich kenne alle Bänke zur Tafel hin gerichtet sind. In Bukoba habe ich noch nie Schüler erlebt die in der Pause ihr mitgebrachtes Essen zu sich nehmen. Höchstens bringt jemand ein Stück Zuckerrohr oder eine Mango (oder andere Früchte) die auf dem Schulweg von einem Baum gepflückt wurde mit. Da bei unserem Besuch zufällig gerade Pause war sah ich alle Kinder aus Boxen ihre zu Hause vorbereiteten Speisen essen. Es gab Porrige, Nudeln, Reis, Brot und Kekse. Von diesem spannenden Erlebnis kann ich natürlich nicht auf die Schulverhältnisse in ganz Sambia schließen. In ländlicheren Gegenden sind die Umstände noch mal andere.

 

Wie schon erwähnt kamen wir in den Genuss Supermärkte besuchen zu können. Dabei hatten wir sogar die Wahl zwischen drei verschiedenen. Einer von diesen ist ein Spar-Supermarkt, den es auch in Deutschland gibt. Kulinarisch konnten wir uns zwischen dem ‚Food-Palace‘, wo es Dönerteller, Shawarma und Curry gab, sowie dem ‚Hungry Lion‘ (ähnlich McDonalds) und einem Restaurant entscheiden, wo es local food gab, welches laut Aussage von Freunden jeder Sambier, ob Oma oder Kleinkind, Unternehmer oder Bauarbeiter, mehrmals am Tag essen soll. Diese Speise ist eigentlich nur ein Gericht namens Shima. Das ist einfacher Maisbrei zu einer Teigmasse geformt, ähnlich wie Ugali in Tansania. Erst die Beilagen machen das Essen dann geschmackvoll. Zur Auswahl stehen Fisch und Soße, Rindfleisch in Soße, Leber, Hühnchen mit Soße und Gemüse. Mir hat das Essen sehr gut und besser als Ugali geschmeckt.

 

Livingstone ist einer Touristenstadt. Die Stadt liegt nahe am Sambesi aus welchem die Victoriafälle hervorgehen. Ein Teil dieses Wasserfalls liegt in Simbabwe. Direkt neben der Attraktion ist die Grenze zwischen den beiden Ländern. Viele LKWs transportieren Güter über eine Brücke auf die simbabwische Seite und zurück. Zusätzlich führen Gleise Züge, die aber nur Waren laden, über die Grenze.

Schon vor dem Eingang rennen riesige Baboons zwischen den Menschen und Autos hin und her. Der Weg zum Gate ist gesäumt von über fünfzig kleinen Souvenirläden, wo es aus Holz geschnitzte Nilpferde und Krokodile gibt. Hinter dem Gate erklärt uns eine junge Frau die vier möglichen Wege und Ziele. Zuerst möchten wir ganz nah ran an die Wasserfälle. Nachdem wir ein paar Treppen hinabgestiegen sind sieht man zwischen ein paar Bäumen das erste mal die weiße Gischt. Wenn man näher ran rückt erkennt man oben den Sambesi. Die dunklen Steinen an der Kante zum Abgrund müssen vom Wasser überwunden werden. Dann fließt es hinunter. Auf unserem Weg immer näher an die Wasserfälle ran lassen uns kleine Aussichtspunkte zwischen den ganzen grünen Bäumen einen Blick auf das Naturwunder frei. Unser Weg liegt parallel zu den Wasserfällen. Die Schlucht trennt uns und das Wasser. Da das ganze ziemlich eng ist bekommen wir Wassertropfen ab. Zum Glück wurden wir vorgewahnt und haben die richtige Kleidung an und unserer Wertsachen in Plastiktüten geschützt im Rucksack versteckt. Wir sind an einer Brücke angelangt, uns kommt ein junges Päarchen entgegen. Sie sind plitschnass. Wir wollen das auch. Auf der Brücke müssen wir uns anschreien. Die Wassermassen, die auf der rechten Seite in die Schlucht knallen, die sich dann unter unserer Brücke ihren Weg weiterbahnen, verschlucken leise Worte. Und auch wir werden plitschnass. Das Wasser ist zwar kalt, aber unsere Adrenalinausschüttung hoch. Also geht’s weiter bis auf die Insel zu welcher die Brücke führt. An den verschiedenen Aussichtspunkten kann man den Wassertropfen mal besser mal schlechter entfliehen. Den Grund, dort wo das Wasser hinfällt, sieht man gar nicht. Der entstehende Nebel ist zu präsent. Auf der anderen Seite der Insel können wir jedoch den Fluss sehen, der Sambesi hinter dem Wasserfall, mit schneller Strömung. Hier ist auch die Brücke zu sehen, die nach Simbabwe führt. Von dort aus stürzen sich Menschen beim Bungee-Jumping hinunter. Nachdem wir über die kleine Brücke (nicht die nach Simbabwe, sondern die parallel zu den Victoriafällen) zurückgeschlittert sind können wir durch satten grünen Pflanzen- und Baumwald, die Pflanzen bekommen durch den Wasserfall ständig Wasser ab, bis zum Ufer des Sambesis nach den Fällen hinuntersteigen und die sehr schnelle Strömung bestaunen. Zufällig springt in diesem Moment auch jemand von der großen Brücke hinunter in die Tiefe. Verrückt. Auch vor den Wasserfällen kann man sich an das Ufer setzen und erkennen wie das Wasser hinabfällt und der Nebel aufsteigt. Da möchte man nicht hineingeraten.

 

Lieber war mir die ruhige Fahrt auf dem Sambesi. Am Abend stiegen wir in das große Boot, wo wir die einzige Gäste waren. Zuerst fuhren wir stromaufwärts und konnten dabei rechts und links oder vor dem Fahrzeug Krokodile sehen, die sich vom Wasser treiben ließen oder in der Abendsonne auf Ästen die ins Wasser ragten ausruhten. Die Sonne schien sich immer weiter der Erde zu nähren. Das Licht verwandelte sich in gelb-orange. Die rote Feuerkugel spiegelte sich im Wasser und tauchte auch dieses in Farbe. Aus dem Wasser streckten sich immer wieder die grauen Köpfe der Nilpferde empor, die erst in der Nacht an Land gehen um Nahrung zu sich zu nehmen. Noch lange nachdem die Sonnenkugel verschwunden war blieb das Abendrot zurück bis der Himmel voller Sterne zu leuchten begann und die Nacht anbrach.

 

Ein paar Tage später sitzen wir am Ufer des Malawisees, zurück in Tansania. Mit dem Boot fahren wir über den See in ein Dorf. Sobald wir an Land gehen kommen Frauen an und bieten uns ihre Töpferwaren an. Das Dorf ist bekannt für diese Tontöpfe. Überall stapeln sich ungebrannte graue Töpfe und Schalen. Nebenbei begrüßen uns Kinder. Auf dem Rückweg springen wir ins Wasser. Unser Bekannter zeigt uns eine Stelle wo wir blaue, rote, gelbe Fische sehen können und einen Moment schnorcheln.

 

Jeden Abend laufen wir von unser Unterkunft in die Dorfmitte und essen bei einer Mama zu Abend. Von unserem Platz aus können wir das abendliche Treiben beobachten. Junge Leute treffen sich zum Fußballschauen, Freunde begrüßen sich grölend über den ganzen Platz hinweg und Pikifahrer laden Gäste auf, liefern Waren ab oder lassen sich einfach nur sehen, fahren mit lautem Motorgeräusch an. Weitere Gäste kommen zur Mama, setzen sich, essen still ihre Speise, trinken ihre Soda oder diskutieren laut mit weiteren Menschen über dies und das. Später kommen die Conducter, welche uns den letzen Abend aus Mbeya hier hergebracht hatten. Wir quatschen mit ihnen und bekommen Kakaofrüchte geschenkt. Zusammen mit der Mama und einem Besucher aus Kigoma lassen wir uns die mit Schleim umfassten Kerne schmecken.

Über Dodoma gelange ich nach Tanga, einer Stadt am Indischen Ozean, nördlich von Dar es Salam gelegen. Hier treffe ich Aline aus Bukoba und zwei weitere Freunde. Zufällig ist an diesem Abend auch das Fastenbrechen der Muslime nach dem Ramadan. Eine sehr deutliche Mehrheit der Bevölkerung hier ist muslimisch. Das erkennt man sofort im Straßenbild, an der Takke und dem Kaftan der Männer und den bunten, glänzenden Stoffen der Frauen, die ihre Haare verdecken. Nach dem Untergang der Sonne sehen wir viele Stände an den Straßen. Männer und Frauen sitzen zusammen und essen Mishkaki (Fleisch), Reis, Chapati (herzhafter Eierkuchen), trinken Saft und Tee. In einem Park gibt es Fotografen, die die Menschen vor kitschigen Hintergründen ablichten. Überall werden Eis und Zuckerwatte verkauft. Jungen und Mädchen haben sich in Schale geworfen und genießen dieses religiöse Fest.

 

In der Nähe von Tanga lassen wir uns durch eine riesige Höhle führen. Hier gibt es aus Steinen geformte Löwen, Flugzeuge, den Kilimanjaro und die Afrikakarte. zu sehen. Als unser Begleiter für fünf Minuten das Licht löscht und wir einen immer schmaler werdenden Gang entlang tasten, bekomme ich doch etwas Platzangst. Es ist stockdunkel, keine einzige Lichtquelle fällt in unsere Augen. Nach einer Stunden können wir die Höhle wieder sicher verlassen.

 

Auf dem weg von Tanga in Richtung Westen machen Aline und ich einen Stopp bei Alines Mitfreiwilligen Marie. Sie wohnt in einem kleinen Dorf in den Usambara Bergen (bis zu 2000 Höhnmeter), zwischen Tanga und Moshi gelegen. Noch vor ein paar Wochen rutschte durch zu starke Wassermassen Erde auf die einzige Straße die nach Lushoto, Soni und die umliegende Dörfer der Berge führt. Das führte zu einer einwöchigen Vollsperrung, sodass keine Verkehrsmittel hindurch kommen konnten. Auf unserer Fahrt mit einer Menge Kurven wurde einigen Leuten schwindelig, sie mussten teilweise brechen. Am Busbahnhof angekommen fuhren uns Motorräder hinauf in das noch höher gelegene Dorf, wo es sehr kalt ist, wir aber wärmstens von Maries Gastfamilie aufgenommen wurden, gemeinsam Ugali mit Bohnen aßen. Hier in den Bergen genoss ich sehr leckeren Kaffee und auch die Aussicht von den Bergen auf das Tal vor diesen. Leider besuchte ich hier auch das erste mal ein Krankenhaus. Ein Sandwurm hatte sich in einen Zeh gesetzt und musste entfernt werden. Alles lief unproblematisch ab. Nach einer Tetanusspritze bekam ich zwei Tüten bunter Tabletten und konnte mit einem kleinen Auto (hier nur Noah genannt) gemeinsam mit Aline und Marie in ein Dorf auf der anderen Seite der Berge gefahren, da dort Alines Großvater geboren wurde.

 

Anschließend reiste ich zusammen mit Aline über Moshi, der Stadt am Kilimanjaro ( mit 5895 Metern höchster Berg Afrikas), den ich nur ein mal durch eine Wolkenschicht hervorgucken sehen konnte. Der Berg sticht durch seine Einsamkeit, weil keine weiteren großen Berge herum zu sehen sind, besonders heraus. In der Stadt kauften wir Souveniers ein und ließen uns mit dem Bajaji (Tuk Tuk) zum Maji Moto (heißes Wasser) fahren. Zwischen Palmen und klarem blauem Wasser erfrischten wir uns, sahen den Leuten zu die mit einer Schaukel ins Wasser sprangen und ließen kleine Fische unsere Hornhaut abknabbern.

 

In Singida übernachten wir bei einem Bekannten von Aline. Am Abend kochen wir zusammen und essen gemeinsam. Müde machen wir uns am letzten Ferientag auf nach Bukoba um am Montag wieder arbeiten gehen zu können und die letzten Wochen in der Heimat zu genießen.

Die Reise zeigte mir viele tolle Gebiete Tansanias und Sambias. Dankbar komme ich mit vielen neuen Freunden und Erinnerungen an sie, sowie rund zwanzig neuen Handynummern zurück nach Hause. 😀

Liebe Grüße an euch alle!

Danke für die Bilder, die teilweise von Hannah, Lukas und Johanna aufgenommen wurden.

 

 

 

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