Gen Osten und zurück

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Weihnachtsstimmung, so wie ich sie aus der Heimat kenne, kam in den Wochen und Tagen vor dem Feste nicht auf. Mit „Merry Christmas“ – Girlanden in der Bank, dem „Merry Christmas“-Song in der Buchhandlung und einer netten „Merry Christmas“ –  Verabschiedung des Beamten an der Grenze (Ruanda – Tansania) bemerkte ich dann schon, dass Weihnachten bevorstand, jedoch hielt sich die Temperatur konstant bei 26 Grad, es waren keine Weihnachtskränze aufzutreiben, Kalender konnte ich nicht finden und jeder fragte ob es denn jetzt dort wo ich herkomme kalt sei. Mit einem Freizeitprogramm verbrachten wir die Woche vor Weihnachten in unseren Schulen. Wir bastelten Engel aus Toilettenpapierrollen, ordneten bunte Sterne aus Perlen an, die nach dem Bügeln als Ketten dienten. Aus Wolle machten wir flauschige Bälle und schnitten aus verschiedenfarbigen Papier Schneesterne. Je nach Lust setzen sich die Kinder an die verschiedenen Stationen (Tische).

Zum Wochenabschluss versammelten sich alle Schüler im Essenraum. Es wurde die Weihnachtsgeschichte in abgewandelter Form erzählt, sodass die Motivation da war das verschwundenen Geschenk des Weihnachtsmannes zu suchen. Mit versteckten Buchstaben, Spielen und Aufgaben begann die Schnitzeljagd rund um das Tumaini Center herum. Am Ende trafen sich alle mit hängenden Schultern und zufallenden Augen, aber den Gedanken an die ungewöhnlichen Spiele, wieder in der Mensa, wo jeder etwas von dem großen Geschenk abbekam.

Die letzten zwei Tage vor Weihnachten wurden doch ziemlich stressig, uns besuchten Freunde aus Kigali und Jinja, zu jeder Zeit war einer von uns verschwunden, um in der Stadt die Wichtelgeschenke, die Weihnachtsessenzutaten oder die Shirts für Juma, Jamali und Muta einzukaufen, die am Weihnachtsabend bei uns eigeladen waren. Den gesamten Samstag kochten wir gemeinsam mit allen dreizehn Gästen, Weihnachtslieder wurden angehört, der Baum geschmückt und die vier Kerzen am Adventskranz angezündet. Das Buffet, bestehend aus Chapati, Reis, Milchreis, Avocadocreme, Früchten, Rolex und Samousa, war eröffnet. Nachdem alle kugelrund in unserem gemütlichen Wohnzimmer saßen, lasen wir die Weihnachtsgeschichte und sangen Lieder auf Deutsch und Englisch. Dann war es an der Zeit die Geschenke zu öffnen.

Gleich am 25. Dezember, in Deutschland der erste Weihnachtsfeiertag, hier aber der Tag an dem Weihnachten gefeiert wird, begann eine dreiwöchige Reise voller Aufenthalte an wunderschönen beeindruckenden Orten des Landes.

Mit Singida sah ich den wohl unspektakulärsten Ort auf der Strecke. Merklich wärmer und trockener wurde das Klima, schon im Bus fühlte ich mich etwas verschwitz, die Sonne brannte, die Sachen klebten, wo es deutlich zum Nachteil wird, dass Frauen immer Röcke und Hosen anhaben sollten, die mindestens die Knie verdecken. Die Suche nach einer Lodge viel nicht schwer. Beim Abendessen in einem kleinen Shop mit Local Food (Reis mit Fleisch und Bohnen oder Chipsi mayai (Pommes und Ei)) begrüßte man uns mit „Merry Christmas“, wo mir wieder bewusst wurde, dass ja heute Weihnachten ist. Allerdings leben in Singida schon mehr Muslime als Christen, ich sah mehr kopftuchtragende Frauen und Männer in Kaftanen.

Auch der See Singidani, im Reiseführer noch mit der Besonderheit, dass es Flamingos geben sollte, angepriesen, die wir leider nicht bestaunen konnten, ließ mich diese Stadt auf die Liste setzen: muss ich nicht noch einmal besuchen. Da der Busbahnhof ein wichtiger Umsteigeplatz und Durchfahrtsort für alle Busgesellschaften, die durch Zentraltansania müssen ist, sollte ich doch ein weiteres Mal im Laufe der Reise hier ankommen.

In Dodoma (offizielle Hauptstadt Tansanias) verbrachten wir eine Nacht. An einem großen Platz gesellten wir uns zu vielen anzugtragenden und mit Kleidern und hohen Schuhen zurechtgemachten Menschen, die an dem Ort Weihnachten feierten, Süßes aßen und Fotos machten.

Auf die gefühlte Hauptstadt traf ich in Daressalam. In der Innenstadt stehen Hochhäuser, Bürogebäude, man kann Frozen Joghurt essen, sich in einen Subway (Fastfoodrestaurant) setzen, in Malls einkaufen gehen, als weißer Europäer fällt man nicht so auf, da es einige Touristen und hier arbeitenden und wohnende Wazungu gibt. Ich habe nur diesen Teil von Daressalam gesehen und weiß, dass es auch nicht so an Europa erinnernde Stadtteile gibt. Die Hostelrezeption warnte uns vor Raubüberfällen und riet dazu die Bankkarte bei Ausflügen, die nicht zum ATM führten, im Zimmer zu lassen. Wir besuchten den Coco Beach und den Kipepeo Beach, der nur mit einer Fähre und einer Bajaji-Fahrt (dreirädriges motorbetriebenes Fahrzeug, in Indien Tuk Tuk genannt) zu erreichen war. Dementsprechend wenige Leute vergnügten sich dort. Das salzige Wasser erinnerte an die Badewannentemperatur nach einem langen Winterspaziergang.

 

Die sehr teure eineinhalbstündige Fährfahrt von Daressalam nach Sansibar, eine vorgelagerte, als Urlaubsparadies bekannt, Insel, brachte uns zu dem Ort wo wir ein paar Tage Strandurlaub machen wollten. Die kleine süße New Malaika Lodge bot die perfekte Unterkunft. Jeden Tag genossen wir das leckerer Frühstück mit Blick auf den indischen Ozean. Während unserer Zeit dort freundeten wir uns mit unseren Gastgebern und vielen in Jambiani lebenden Menschen an. Da gab es zum Beispiel die Dada Edina (Schwester), die hier in der Lodge arbeitet, um Geld für ihren Schulabschluss (die letzten beiden Oberstufenklassen) zu verdienen.

Der Taxifahrer Sidi brachte uns immer von einem Ort zum anderen, spielte abends am Strand mit den Männern auf Trommeln, was auch ich ausprobieren durfte, jedoch auf Grund von Rhythmusungenauigkeiten schnell wieder weiterreichte und lieber den Gesang unterstützte, das lodernde Feuer betrachtete und den Trommelschlägen der mit diesem Instrument aufgewachsenen Tansaniern horchte. Sidi lud uns an einem Abend zum Oktopusessen zu sich nach Hause ein. Mir gefiel der Geschmack des frisch von Sidis Vater, der mit Schnorchelausrüstung und Speer unterwegs war, gefischten Tieres.

Am ersten Tag lernten wir die aus Australien kommende Lilly kennen. Von ihr wurden wir zu einer hinter Gebüsch und Steinen versteckten Höhle geführt. In der „Kuza Cave“ durften wir in dem eiskalten Wasser schwimmen gehen. Hier lernte ich auch den Freund ihres Sohnes Habibu kennen, der jeden Tag an der Lodge vorbeikam, mit anderen Kindern spielte, uns bei Strandspaziergängen begleitete, mit uns baden ging und einfach ein aufgewecktes Kind ist, das uns viel Freude bereitet hat.

Ibra (eigentlich Ibrahim) ging mit uns Tauchen. Der Tauchlehrer lehrte uns die Zeichensprache, die unter Wasser benutzt wird, er nahm uns nach der ersten Trainingseinheit an der Tauchschule mit seinem Auto mit zurück zur Lodge und hing auch ständig an der Bar von New Malaika rum. Einen Tag nach dem Training holte uns früh morgens die Tauchcrew mit dem Boot ab. Nach zwanzig Minuten stoppten wir und die erste Gruppe (Paul, Lukas und Valentin) ging von Bord. Mit etwas Verspätung folgten wir. Entlang an bunten beeindruckenden Korallen, großen, kleinen, flachen und breiteren Fischen, sowie mehreren Wasserschlangen und Seesternen führte uns Ibra sicher wieder an Land.

Mit dem talkativen Baraka stoppten wir auf dem Weg nach Sansibar-Town in einem Dorf um an einer Gewürztour teilzunehmen. Während wir uns Kadarmon-, Vanille-, Kaffe- und Pfefferpflanzen anschauten und testen durften, bastelten uns zwei junge Männer elegante Hüte, Ringe, Armreifen und Krawatten aus Bananenblättern. Nach der Bedankung für den Schmuck der anderen Art setzten wir unsere Fahrt in die Stadt fort. Wir besuchten den ehemaligen Sklavenmarkt von Sansibar. Nach den schockierenden Bildern der engen Kellerverliese, die den Sklaven als Raum diente, wurden wir von der Schönheit der Innenstadt von Sansibar-Town (Stonetown) abgelenkt. An jeder Ecke standen Händler, verkauften Nahrung, Kleidung oder Souvenirs. Ein Verkäufer hieß Daniel. Er studiert an einer Musikhochschule und spielt in einer Band Gitarre. Als Nebenjob arbeitet er in einem kleinen Laden. Er kennt Bukoba sehr gut und so haben wir einige Informationen über die Stadt ausgetauscht.

Am letzten Abend mischte uns unser „Herbergsvater“ Hussein, dessen Frau immer hochschwanger für ein paar Minuten nach draußen kam, um frische Luft zu schnappen, zu essen und sich abzulenken, einen Cocktail. Den Namen durften wir uns ausdenken und so steht nun „Jambiani Coco Kiss“ auf der Getränkekarte.

Auch am Morgen unserer Abreise tauchte der lustige Dounat-Boy wieder auf. So heißt er, weil wir bei ihm fast jeden Tag Kokosnuss-Dounat bestellt hatten, die seine Schwester buk. Der Abschied fiel ziemlich schwer, weil wir viele neue Freunde dazugewonnen haben, die uns ein heimisches Gefühl in an diesem weit entfernten Ort gegeben haben.

Spontan am Morgen um 5 Uhr entschieden Valentin und ich, dass es für uns heute nach Mombasa geht. Zwar stiegen wir alle in denselben Bus, aber nach sechs Stunden Fahrt verließen uns Lukas, Hannah und Paul in Tanga, eine Küstenstadt nördlich von Daressalam. Der Grenzübergang verlief ruhig, unsere Taschen wurden kontrolliert und zum ersten Mal in unserem Leben hielten wir kenianisches Geld in der Hand. Meiner Meinung nach gab es auf der eineinhalbstündigen Fahrt nach Mombasa keine großen Unterschiede zu Tansania zu erkennen. Valentin sah das anders und mit der Zeit konnte ich das auch bestätigen. Es lag mehr Müll auf den Straßen, jeder konnte Englisch sprechen und wir trafen viele sehr freundliche Menschen. Mombasa liegt auf einer Insel. Darum herum spricht man von den Außenbezirken der Stadt. Statt wie alle Fahrgäste sollten wir beide zusammen mit allen Kindern bei der Fährüberfahrt nicht aussteigen, sondern im Bus bleiben. Ganz genau kann ich nicht sagen woran es lag, aber ich vermute, dass es für uns eventuell gefährlich geworden wäre. Ich, der Angsthase unter uns, hatte meine Kamera extra den Tangabesuchern mitgegeben, da mich die vielen Geschichten von Schüssen und Warnungen vor Überfällen schon unsicher machten. Im Endeffekt ist uns nichts dergleichen passiert. In dem einen vollen Tag den wir in der Stadt hatten besuchten wir ein Butterfly-House, wo ich mir so viele Mückenstiche holte, wie nie zuvor. Anschließend umrundeten wir das Fort Jesus, eine Gedenkstätte an den Sklavenhandel und die Kolonialzeit. An dieses Gebäude schloss Old Town an, der alte Stadtkern, welcher von den Portugiesen während ihrer Besetzung erbaut wurde. Zu gefährlich um allein zu gehen, mussten wir uns einem Guide anschließen, worüber wir im Nachhinein sehr froh waren, da uns in der Stadt an einigen Stellen mulmig zu Mute wurde, wenn wir allein in einer engen Gasse entlanggingen oder uns Männer hinterherpfiffen (zugegebenermaßen hatte ich auch nicht das optimalste Outfit für den Besuch eines nur von Muslimen bewohnten Bezirks an). Auch als der Guide von Frauen erzählte, die Polizisten bedroht hätten und daraufhin erschossen worden und von einem Mann berichtete, der in einem Teil der Altstadt, wo nicht einmal er sich hineintraue, angegriffen wurde, jedoch glücklicherweise überlebte, machte sich Angst breit. Doch die Fahrt in einen außerhalb gelegenen Park (Haller Park) voller Affen, Giraffen, Nilpferde, Krokodile und Riesenschildkröten überstanden wir. Danach genossen wir den Sonnenuntergang am Strand. Viele Menschen waren im flachen Wasser (Ebbe). Noch mehr Besucher setzten sich auf die Plastikstühle um eine Soda zu trinken. Der ganze Strandabschnitt war voll von diesen Stühlen. Ein Kamel wurde am Wasser entlang geführt und ein paar Kinder, ich vermute Straßenkinder, stellten eine akrobatische Darbietung zusammen. Danach liefen sie mit der Bitte nach einer Spende umher. Als es dunkel wurde machten wir uns auf den Weg zum Hotel. Wir tranken einen leckeren Smoothie und verarbeiteten die Eindrücke dieser Stadt, von der ich vor meiner Reise schon so viel gehört hatte und nun die Chance ergriffen hatte mir selbst ein Bild machen zu können.

Von Mombasa aus erreichten wir Arusha. An der Tumaini University Makumira (nahe Arusha) durften wir für zwei Nächte zu Gast sein. So schnupperten wir in das Studentenleben hinein, aßen in der Mensa Frühstück und Abendbrot, setzen uns abends an die Basketball- Volleyball- und Netballfelder und besuchten eine Tanzveranstaltung der Studenten. Uns wurden sieben verschiedene traditionelle Tänze gezeigt.

Mit einem gemieteten Auto fuhren wir von Arusha zum Lake Natron. An den Nationalparks Lake Manyara und Ngorongorokrater vorbei, über staubige löcherreiche Straßen passierten wir das Maasailand. Die Luft wurde immer heißer, die Flora immer weniger, aber dafür tauchte uns für uns ungewöhnliche Fauna auf. Inmitten des grauen Bodens, der von Staub verdeckten Berge im Hintergrund entdeckte Lukas Giraffen. Wir entdeckten immer mehr Tiere in der Steppe. Durch die weiterreichende Landschaft konnten wir über weite Flächen gucken, Gnuherden, mehrere Antilopen, Esel und sogar Strauße erkennen. Damit hatte ich nicht gerechnet und war umso glücklicher Giraffen in freier Wildbahn sehen zu dürfen. Ein Maasai führte uns zu einem Wasserfall. Um dort anzukommen waren mehrere Flussüberquerungen nötig, wobei mein Schuh mitgespült wurde. Das Wasser war angenehm kalt. Nach der wunderbaren Abkühlung trockneten selbst meine Haare in Minuten. Denn als wir nur eine halbe Stunde später am Lake Natron ankam, waren selbst meine Haare nicht mehr nass. Die Hitze war zwar anstrengend, aber die Landschaft um den See sehr berauschend. Flamingos kommen abends an, um Nahrung aufzunehmen, so versammeln sich riesige Vogelschwärme am Ufer des momentan noch mit wenig Wasser gefüllten Sees. Man konnte die Sonne und den Mond gleichzeitig sehen. Der Tag wurde zur Nacht. So verging die Reise. Bei unserem letzten Stop in Mwanza bekamen wir Besuch, Pauls Freundin Freia ist mit uns zurück nach Bukoba gefahren und besucht nun Bukoba.

Hier begann schon wieder der Alltag. Die Kinder haben sich total gefreut uns zu sehen und auch ich war sehr glücklich wieder bei ihnen zu sein, zu erfahren wer in welche Klasse gekommen ist und neue Gesichter ausfindig zu machen. Englisch, Mathe und Sport bleiben nach wie vor unsere Fächer. Am Sonntagabend, dem Tag unserer Ankunft, haben wir sofort Juma und Jamali besucht. Für das Projekt sind Hannah, Johannah und ich durch die Stadt gelaufen, um in allen möglichen Shops um eine Spende zu bitten. Denn das Essen, die Schulmaterialien, Medizin und Fahrten zur Familie werden nur durch die Gabe von Helfern finanziert. Spaß gemacht hat die Sache nicht wirklich. Natürlich ist es unangenehm nach Geld zu fragen, aber man überwindet sich und weiß, dass das Projekt es verdient hat.

Ich grüße alle und wünsche ein gesundes neues Jahr!

Eure Esther.

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