Kagera Region I

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„Siehst du Esther, genau deshalb nennt man mich Babu.“ Grinsend steht der kleine Mann mit dickem Bauch am Ausgang der Kagera Sugar Fabrik. Seine schmalen dunkle Sonnebrille lässt mich seine kleinen Augen nur erahnen. Wir klatschen uns ab, ich sage: „Asante, Babu.“

Die zurückliegenden neunzig Minuten verbrachte ich in den Herstellungshallen des regionalen Zuckerherstellers. Von dem Zuckerrohr, an welchem wir vorhin noch im Bus vorbeigefahren sind, über eine fette klebrige Masse, bis hin zum Verpackungen des Zuckers und einer Kostprobe durfte ich mir gemeinsam mit dem Team alles angucken. Dies hatte der Babu (Großvater) organisiert. Denn geplant war nur, dass wir gegen das Team Kagera Sugar spielen. Kagera Sugar ist der Name des Ortes, wo alle Mitarbeiter der Fabrik wohnen. Alle Kinder, die um das Volleyballfeld herumstanden, beantworteten mir die Frage, ob denn ihre Eltern in der Fabrik arbeiteten mit Ja. Das Spiel haben wir gewonnen. Kagera ist der Name der Region, in welcher Bukoba gelegen ist.

Unsere erste lange Pikitour führte uns ASC-Frewillige, Hannah und Johanna vom Roten Kreuz und Khamis nach Kamachumu. In Kahmis Heimatdorf besuchten wir seine Mutter und seinen Bruder. Durch mehrere Dörfer, gekennzeichnet durch zwischen Bananenplantagen stehenden kleinen Häusern, erreichten wir über schmale Wege aus roter Erde das Haus inmitten von Bananenbäumen. Dort genossen wir ein mit Termiten (schmeckt besser als gedacht) verfeinertes Essen. In den Ort verliebte ich mich sofort, da die Ruhe eine entpsannte Abwechslung zum Stadtleben ist. Gerne wäre ich für ein Wochenende mit einem Buch auf dem Schoß und einem Mango-Bananen-Avocado- Juice dort geblieben. Jedoch ging es weiter nach Ndolage, Standort eines großen bekannten Krankenhauses mit angeschlossener Nursing School und Ausgangspunkt der Wanderung zu zwei Wasserfällen. Das Gelände wurde mir von einem einheimischen, in Ndolage geborenen, in Daressalam lernenden jungen Mann vorgestellt, der sich auf amüsante Art und Weise über die Schule und deren Strukturen aufgeregt hat. So reagierte er bei unserem ersten Aufeinandertreffen, nachdem ich ‚Shikamoo‘ (Begrüßung für Ältere) gesagt hatte, mit einem Augenrollen und entgegnete ‚Mambo‘ (Begrüßung unter Freunden). Neben den Ärzten und Krankenpflegern wohnen auch die Angehörigen der Patienten auf dem Gelände, um für sie zu waschen und zu kochen, da dies nicht zum Service des Hospitals gehört.

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Eine fünfundvierzig-minütige Wanderung später schoss laut tosend das Nass vor mir in das mit Wasser gefüllte Becken, welches gleich zur Abkühlung genutzt wurde. Trotz Kälte tastete ich mich Schritt für Schritt in das Becken. Auch einige Brustzüge taten mir als eingerostete Schwimmerin gut. Auf der Seite der Steinwand, wo das Wasser herunterfiel, konnte man sich heraushieven und direkt unter dem Strahl stehen – Gekreische ließ sich nicht vermeiden. 😀

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Eine weitere Wanderung führte zu dem zweiten Wasserfall, der nur von oben zu betrachten ist. Leider rieselte an diesem Tag auch Wasser von oben auf uns, sodass statt einer Kletter-Wanderung nur ein Schnell-Nach-Hause-Kommen-Marsch anstand. Aber bei den warmen Temperaturen hier, konnte dieser Umstand den Tag nicht verschlechtern. So konnte man sich am Nachmittag bei schönstem Sonnenschein auf die Felsen in Ndolage setzen und Früchte essen, die hier auf dem Dorf viel billiger sind als in der Stadt, denn nachmittags regnet es hier nie.

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Zum Gottesdienst in der kleinen Kirche auf dem Krankenhausgelände versammeln sich am Sonntagmorgen um neun Uhr vor allem junge Menschen. Ärzte, (angehende) Krankenpfleger, Kranke. Mehrere Chöre umrahmten das Programm. Zum Teil wurde zum Rhyt hmus der Trommeln typisch afrikanisch getanzt. Ich durfte mich der Gemeinde vorstellen, die überrascht auf meine Kiswahili-Kenntnisse reagierte, die für einen Vorstellung ausreichen. Abschließend verlässt die ganze Gemeinde, in einer Schlange aufgereiht, tanzend die Kirche. Draußen bildet sich so ein großer Kreis, in dessen Mitte Spenden der Menschen zusammengetragen werden, die kein Geld für die Kollekte haben, aber durch selbst angebautes Obst, Gemüse, Hühner oder Rinder etwas geben möchten. Diese Gaben werden nun versteigert. Drei Männer halten abwechselnd eine Tüte Paprika, fünf Mangos, Teppiche, ein Huhn und Kohl hoch. Statt nur für sich selbst mitzubieten gibt gut jeder zweite Gewinner seine Tüte an eine Oma, den Pastor oder die Nursing School Küche ab. Auch unsere Gruppe erhielt von einem aus dem Kongo kommenden Arzt vier Mangos, die wirklich wunderbar schmecken.

Kaum wieder in der Stadt angekommen zogen große Scheinwerfer die Blicke auf sich. Auch Schatten großer Insekten, die um das Licht herumflogen erkannte ich. Viele Leute, bestimmt die Hälfte Kinder, wuselten in der Straße herum. Uns war natürlich klar, um welchen Prozess es sich handelte. Seitdem die Regenzeit begonnen hatte konnte man nicht nur auf dem Markt Beutel voller grüner Insekten sehen, sondern auch in den Lehrerzimmern, in den Klassen räumen, die zu kleinen ‚Fertigungsfabriken‘ dieser Insekten umgebaut wurden – den tausenden Tieren wurden auf den Schulbänken Fühler und Beine ausgerissen. Jeden Morgen sehen Paul und ich einen Markt. Frauen sitzen auf ihren Tüchern im Gras, vor ihnen steht ein Mehlsack, jedoch nicht gefüllt mit dem, was die Aufschrift verspricht. Es ist Senene – Zeit in Bukoba. Die Grashüpfer werden von dem Licht der Scheinwerfer angezogen, fliegen gegen zu Trichtern zusammengeformtes Wellblechmetall und fallen durch den Aufprall in Eimer, denen sie nicht mehr entkommen können. Der Prozess findet nachts statt, sodass morgens mit den Tieren gehandelt wird. Die Grashüpfer werden in der Regel vor dem Verzehr frittiert.  Jeder Lehrer bieten nun Senene an, jeder Pikifahrer fragt dich, ob du Senene magst, fast jeder Schüler spielt im Unterricht mit den Insekten. Und Jamali ist abends nicht pünktlich zu Hause, da er noch Senene jagen ist.

Mit den Jungs haben Hannah, Johanna und ich am ersten Ferientag, der eigentlich tansanischer Unabhängigkeitstag ist (9.12.1961), weshalb alle frei hatten, gebastelte. Es entstand ein Dame-Spielbrett, Memorykarten und verschiedenen Kunstwerke auf A4-Blättern, die nun an der Wand hängen. Anlässlich dieses Feiertages fand im großen Stadion von Bukoba eine Bonanza (Sportfest) statt. Neben vier Fußballteams und den Netballspielerinnen durfte auch unser Volleyballteam nicht fehlen. In der prallen Sonne beendeten wir fünf Sets mit einem Ergebnis von 3:2 für mein Team.

Viele Kinder unserer Schulen fahren über die Ferien nach Hause. Bevor sie fuhren haben wir mit ihnen gemalt, Bänder gebastelt und Sport gemacht, was in ihrem Tagesablauf, bestehend aus Lernen, Waschen, Putzen jedes mal für eine besondere Abwechslung führt. Statt wie immer Fußball zu spielen, konnte ich ein Basketballtraining mit den älteren starten, während Paul mit den jüngeren malte. Nach einigen Aufwärmübungen bildeten wir drei Teams. Erzielt eine der spielenden Mannschaften ein Tor, muss die andere mit dem draußen wartenden Team tauschen. Mich hat gefreut, dass neben den Jungen auch viele Mädchen mitgespielt haben, die laut den Ton angeben und außerhalb des Feldes für Anfeuerung sorgen.

Einige Kinder bleiben auch die einmonatigen Ferien in der Bording School (Mseto) und der Center (Tumaini). Manche Kinder aus dem Center können nicht zu ihren Familien oder es wird keine Pflegefamilie für sie gefunden. Für die Albinos ist es außerhalb der Schule zu gefährlich. Ein Gespräch mit Elia hielt mir die Gefahr für Albinos noch einmal vor Augen. Er sprach von Menschen, die ihnen die Finger abschneiden und diese für sehr sehr viel Geld verkaufen können, da diese laut dem Glauben ihres Stammes Erfolg und Glück bringen soll. Ich fragte was denn die Menschen denken, wenn ich erzähle, dass ich an der Mugeza Mseto Schule, die alle in der Stadt kennen, arbeite. „They think you are rich, Esther.“

Mit den Gedanken verabschiede ich mich für heute von euch.

Liebe Grüße und eine wunderbare gemütliche Weihnachtszeit euch allen!

Danke Hannah Bombeck Photography! 😀

P.S.: In einem Stadtteil von Bukoba war unter einigen spielenden Kindern ein junger Albino dabei, der sehr glücklich war uns zu sehen. Eine Frau sagte:“Er freut sich, weil ihr ihm ähnlich seid.“

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