Meine Woche in Bukoba

Singen im Unterricht, eine gewonnene Ziege, zerrissene Pfosten und Latten, Besuche im Zimmer der Jungs, Essensvariationen, Ausflüge, Sportspiele – in sieben Tagen passiert hier so einiges. 
Montags fahren Paul und ich mit unserem Piki zur Mugeza Mseto, der Schule wo behinderte Schüler und nicht beeinträchtigte Jungen und Mädchen gemeinsam lernen. Ich beginne mit dem Matheunterricht in der zweiten Klasse. Vor mir sitzen achzig junge Schüler in Schulkleidung, betehend aus einem weißen Hemd und darüber einem grünen Pullover, sowie einer kurzen hellen Hose. Eine Bank teilen sich drei bis vier Schüler. Es ist schwer in die Klasse Ruhe zu bringen, da Stifte hin- und hergebracht und Hefte gesucht werden. Die Albinos sehen nicht gut, weshalb sie aufstehen und zur Tafel gehen, um etwas lesen zu können. 

Für die älteren Klassen bieten wir Computerunterricht an, denn die Schule verfügt über ca. 8 PCs und 8 Laptops. Die ersten Male üben wir das Ein- und Ausschalten und lassen die Schüler dann mit dem Programm ‚Paint’ein Gefühl für die Mausführung bekommen.

Nach einer Chaipause, wo Tee getrunken und Nüsse gegessen werden, gehe ich in die dritte Klasse. Dort lernen die Schüler in achzig Minuten englische Zahlen, Vokabeln und einfache grammatische Regeln. Nach dem Korrigieren der Aufgaben fahren wir zurück in die Stadt, um etwas zu Essen. Es ist für mich ohne Ausnahme Reis mit Fleisch. Um die Mittagszeit ruhe ich mich manchmal auf dem Markt, in den Shops von Elia oder Khamis, aus. Am Nachmittag machen wir mit den Kindern Sport. Wir spielen Basketball, Fußball oder Staffelspiele. Die Schule hat einen guten Basketballplatz, den wir nutzen können und auch einen Bereich für Volleyball, wo allerdings kein Netz hängt und somit kein Spiel stattfinden kann. Volleyball wird immer am Strand des Victoriasees gespielt. Dorthin fahre ich nach der Arbeit. Mit Einbruch der Dunkelheit hören wir auf zu spielen. Nach einer kurzen Teambesprchung laufen einige Kollegen und ich zum legendären Chaiman in die Stadt. Dort sitzen Männer auf Holzbänken an dazu passenden Tischchen und genießen ihren scharfen heißen Ingwertee, während man Nüsse isst oder mit dem Nachbar diskutiert. Statt jeden Abend Chipsi mayai zu kaufen, wie noch in den ersten Wochen hier, kochen wir nun abends Reis, Nudeln, Chapati oder Kartoffeln mit Gemüse. Je nach Zeit und Lust fahre ich später zu den Jungs Juma und Jamali.

Am Dienstag arbeite ich zusammen mit meinem Projektpartner Paul, einer Freiwilligen einer anderen Organisation und den Lehrern Andrew und Elia an einer anderen Grundschule in Bukoba. Auch dorthin führt uns ein ca. fünfzehn minütiger Weg mit dem Piki. Unsere Aufgabe ist es beim Englisch – und Matheunterricht zu helfen. In den letzten beiden Wochen habe ich es geschafft der zweiten Klasse die Teilung von Kreisen und Rechtecken in ein Viertel, ein Halbes oder Dreiviertel beizubringen. Es gibt immer ganz eifrige Schüler die nach weiteren Aufgaben fragen oder schon schwierigere Rechnungen lösen können (zwei Sechstel,…) Einer von uns kümmert sich in dieser Zeit um diejenigen, denen es schwer fällt überhaupt zu schreiben und eins plus eins zu rechnen. Diese Schüler sitzen mit am Lehrertisch, damit sie nicht von den anderen abgelengt werden. Sie rechnen mit bunten Deckeln von Wasserflaschen und Sodas. 

Zum Mittag fahren wir mit dem Piki, wobei wir uns mit dem Fahren immer abwechseln, in die Stadt, zu einem unserer zwei Stammlokale. Dort treffen wir uns jeden Tag mit Lukas und Valentin, die von ihrem Projekt kommen. 

Mein Stundenplan sagt, dass ich am Dienstagnachmittag frei habe. In dieser Zeit gehe ich auf dem großen Markt Gemüse und Obst einkaufen, treffe mich mit anderen Freiwilligen oder besuche die Jungs vom Straßenkinderprojekt, um Kleidung oder Schulmaterial zusammen mit ihnen zu besorgen. Seit dieser Woche lerne ich mit einem der Jungs bei ihm zu Hause. Wir üben lesen und schreiben. Ab 17:30 fängt das Volleyballtraining an, womit das tägliche Abendprogramm eingeleitet wird.

Mittwochs geht es wieder zur Mugeza Mseto. Mathe in Klasse zwei und Englisch in Klasse drei stehen an. Bald werden Paul und ich von Hanna und Johanna im Unterricht unterstützt, die bei der Tanzanian Red Cross Society arbeiten. Ich hoffe, dass wir es dann schaffen die Klasse ruhig zu halten. Die Schüler sind zwar freundlich, aber bei einer Schüleranzahl von 80-126 in einem Raum ist es schwer Ruhe einkehren zu lassen, wenn man die Sprache nicht perfekt spricht und ohne zu Schlagen, wie es unter den Lehrern hier üblich ist. Mittags legen wir einen kurzen Stop in der Stadt ein, um beim Essen Energie zu tanken, bevor es anschließend zu unser zweiten Schule geht, bzw. fahren wir zum Tumaini Center, wo die Kinder wohnen. Dort erwarten uns die Jungen und Mädchen schon auf der etwas abgelegenen Straße. Das Center ist außerhalb von Bukoba, damit die Kinder nicht so leicht zurück auf die Straßen in der Innenstadt kommen, abhauen und rückfällig werden. Nach einem kurzen Begrüßungsgespräch gehts auf den großen Sportplatz. Die Jungs nehmen am Fußballtraining teil, während die Mädels mit mir mitkommen. Damit nämlich auch die Mädchen Sport machen, die in der Regel nicht Fußball spielen, vertreiben wir uns die Zeit mit Spielen zum Klatschen und Rennen. Mir wurden auch schon Tanzspiele von den Tansanierinnen beigebracht. Und so lassen wir den Tag mit den Schülern ausklingen.

Donnerstags starten wir in der Tumainiklasse. Die Arbeit in dieser Schule macht mir sehr viel Spaß. Mitlerweil kenne ich meine Stifteklauer, Hefte-Vergesser, Schlafmützen, Abschreiber, fleißigen Bienchen und Toilettengänger, die ich nach zehn Minuten draußen beim Spielen wieder einsammeln kann. Genau diese Nähe zu den Kindern gefällt mir. Man kennt sich und kann (während oder)nach getaner Arbeit herumalbern. Es fällt mir immer schwer sagen zu müssen, dass ich am Nachmittag nicht mit in das Center kommen kann, da es für Paolo (wie ihn hier alle nennen) und mich zur Mugeza Mseto weitergeht. Je nach Lust und Laune setzen wir uns mit den Schülern zusammen, lernen neue Vokabeln oder reden über die Schule, das Essen, das Wetter oder spielen Fußball, Basketball, werfen den Ball hin und her, wo auch Geh-und Sehbeeinträchtigte Schüler mitmachen können. Mich fasziniert die Toleranz und Hilfsbereitschaft zwischen den Schülern. So bringt jemand einem Albino den Hut, den sie den ganzen Tag als Schutz gegen die Sonne tragen, ein blindes Mädchen schiebt den Rollstuhl ihres Mitschülers. Mithilfe von Patrons und Matrons wird eine Struktur und Ordnung in das Leben an der Boarding School gebracht. Sie helfen beim Kochen, Waschen, Putzen, Erziehen die Kinder. 

Müde und geschafft verlassen wir die Schule am Abend. Trotzdem gehe ich noch zum Volleyballspiel, wo in den letzten Tagen ein bruchstücke-sprechender Doktor mit teilnahm, was immer zu sehr amüsant ausgesprochenen Sätzen führte. Der Strand hier ist so riesig, dass neben uns noch ca. sieben weitere Teams trainieren. Am Wochenende wurde der Platz für die Veranstaltung eines Pastors aus Tanga (tansanische Küstenstadt) genutzt, was eine riesige Menschenmenge anzog und den Strand in eine Art Konzertgelände verwandelte. Außerdem finden im Bukoba Beach Club neben dem Spielfeld regelmäßig Hochzeiten statt, zu dessen lauter Musik schon das ein oder andere kleine Dancebattle ausgetragen wurde. Zu Hause angekommen helfe ich meinen Mitbewohnern aka Chefkoch Paul und Chefkoch Lukas beim Kochen. Danach wird relaxt, geskypt oder die Karten ausgepackt. Wenn es zu den Jungen geht kann nicht immer nur gespielt werden. Es gibt auch mal das eine oder andere Problem. Am schlimmsten war der Abend als einer der Jungen verkündete er wolle abhauen, wieder auf der Straße leben. Mithilfe der Vorfreiwilligen konnte ich die Situation beruhigen, allerdings hatte ich mich sehr erschrocken die zwei so streiten zu sehen. Letztens mussten wir abends zum Friseur gehen (was hier durchaus üblich ist, da die Shops bis in den späten Abend geöffnet haben), da es in der Schule schon Schläge für zu lange Haare gab. In den staatlichen Schule müssen die Jungen und Mädchen kurze Haare tragen. Es fällt mir nicht immer leicht mich abends von den Jungen zu verabschieden, da man merkt wie froh sie sind, wenn jemand für sie da ist, mit ihnen spricht und einfach nur zusammen abhängt.

Auf den Freitag freue ich mich immer, denn wie schon in den letzten vier Jahren meiner Schulzeit endet der Unterricht 13 Uhr. Für die Kinder an der Tumaini-Schule, aber auch für uns sind die Minuten ab 11 Uhr ganz besonders, denn dann geht es auf den Sportplatz! Am Anfang war es sehr schwierig für uns die Kinder unter Kontrolle zu bringen, es kam zu Schlägen unter den Schülern. Aber gerade auch weil wir die Kinder nun kennen lässt sich das besser unterbinden. Wird der Ball in die Mitte gelegt, sind die Jungs über das Feld verteilt. Für die anderen bieten wir weitere Spiele an. 

Nachmittags habe ich frei. Das heißt entweder Entspannung auf der Couch oder wie letzte Woche ein Besuch in der Kirche, weil ein Bekannter von uns geheiratet hat. Weil nichts wirklich abgesprochen war, standen Hanna (Freiwillige vom Roten Kreuz) und ich vor der größten Kirche in Bukoba. Ohne Rock oder Kleid wurden wir erst gar nicht hinein gelassen, was dazu führte, dass wir uns schnell Kitenge (bunter Stoff) kauften und mit Hilfe der Frau am Einlass um die Hüften banden. Drinnen angekommen stellten wir jedoch fest, dass unser Brautpaar heute nicht hier heiratet. So erfuhren wir nach einem Zwischenstopp an Khamis Shop, in welcher Kirche sich die Hochzeitsgesellschaft befand. Nach der Zeremonie schob man uns in ein Auto, welches in einer Autoschlange hinter dem Brautpaar hupend durch die ganze Stadt fuhr. Nach einem kurzen Zwischenstopp zu Hause erreichten wir den Ort der Party. Mit viel Musik, Tanz und langer Zeremonie begann die Hochzeit. Vor kurzem hatten Hannah und ich uns ein Kleid aus Kitenge schneidern lassen, was wir an dem Abend austesteten. Zusätzlich fertigtr mir die Frau auch ein Tshirt an, dass ich sehr gerne trage.

Der Samstag ist meistens als Ruhetag geplant. Jedoch stehen oft Juma und Jamali und Freunde von ihnen vor der Tür und verbringen dann den Vormittag bei uns. Es werden Einkäufe in der Stadt erledigt, Fußballspiele (der Jungs oder von Kagera Sugar) angeschaut.

Vor zwei Wochen sind Paul, Lukas und ich mit dem Piki aus Bukoba rausgefahren, um in einem Dorf Steinmalereien zu sehen. Schon in dem nächsten Dorf angekommen, erstreckte sich vor uns ein großes Tal, wo die Straße nur noch als dünner Strich zu erkennan war. Wir bogen bald auf eine Sandstraße ab, was bessere Fahrfähigkeiten voraussetzte. Nach neunzig-minütiger Fahrt und tollen Landschaftseindrücken erreichten wir Mugana, ein schönes Dorf, welches sogleich zum Verfahren einlud. Von der Hauptkreuzung hatten wir am Ende das Tages alle vier Wege benutzt. Die Mittagspause genossen wir bei Sonne auf großen Steinen mit dem Blick auf ein eindrucksvolles Tal gerichtet und mit (von Paul) selbstgemachten Chapati (Pfannkuchen) versüßt.

Abends wird es in Nyamkazi (Stadtteil wo unser Haus steht) oft voll. Es wird gekocht, getanzt, geredet, gespielt. Mal geht es ins Linas (beliebtester Club in BKB), mal genießen wir einfach ein heimatliches Essen, wie Pfannenpizza, Nudeln, Teigtaschen oder Bratkartoffeln, wozu wir andere Freiwillige oder die Jungs Juma und Jamali (plus Freunde) einladen.

Auch der Sonntag startet immer ziemlich entspannt. Nach einem leckeren Frühstück/Mittag, wenn man denn so lange schlafen konnte und nicht von den Jungs geweckt wurde, ist es fast schon wieder Zeit zum Strand zu gehen. In den letzten Wochen stand immer ein Match auf dem Spielplan, sodass sich das Volleyballteam als Treffpunkt den Ort des Trainings ausgesucht hat. Natürlich komme ich pünktlich um 15 Uhr an und treffe dort den einzigen anderen deutschen im Team. Ansonsten ist kein bekanntes Gesicht zu sehen. Eineinhalb Stunden später wird das Spiel angepfiffen. Die ganze Zeit grast der heutige Gewinn am Spielfeldrand. Am Ende gewinnt mein Team. Der Ziegenbock wird feierlich übergeben, ein Kasten mit verschiedenen Sodas wird gebracht. Natürlich ist die Stimmung ausgelassen. Zwei Tage später teilen wir uns in Vierergruppen ein und setzen uns um einen lecker zubereiteten Teller voll Ziegenfleisch und Gemüse.

Vielleicht kann sich der eine oder andere nun besser vorstellen, was ich hier treibe. Mir gefällt es nach wie vor ausgezeichnet. Bis zu den langen Weihnachtsferien steht die Arbeit ganz im Vordergrund. Um die freien Tage ist eine Reise geplant. Dazu berichte ich wenn es soweit ist.

Schöne Grüße aus dem warmen Bukoba!

Eure Esther.

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